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Der Rechte Rand 197 - Juli/August 2022

DRR197
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 - Das Antifaschistische Magazin -

"Lichtenberg, Halle, Hanau - Erinnern heißt kämpfen"

Inhalt der Ausgabe #197 - Juli/August 2022

Liebe Leser*innen,

ein Jahr nach der faktischen Abschaffung des ursprünglichen Rechts auf Asyl freute sich Innenminister Manfred Kanther (CDU) 1994 über stark gesunkene Flüchtlingszahlen und erklärte: »Dieses Ergebnis wäre nicht erzielbar gewesen ohne die öffentliche Auseinandersetzung – die natürlich auch Hitzegrade erzeugt hat«. Ja, er sagte wirklich »Hitzegrade« und meinte damit teils tödliche, rassistische Anschläge wie in Hoyerswerda, Mölln, Solingen – und in Rostock-Lichtenhagen. Zum 30. Mal jähren sich im August dieses Jahres die pogromartigen Ausschreitungen gegen die Bewohner*innen der »Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber« (ZAst) und die vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen in der Nachbarschaft. Staat und Polizei kapitulieren, es fliegen Steine und Brandsätze. Nachdem die ZAst evakuiert wird, tobt der Mob vor dem Wohnheim der Vertragsarbeiter*innen. Rund 3.000 Personen rotten sich vor dem Gebäude zusammen und während es unten schon brennt, können die eingeschlossenen Menschen nur mit viel Glück über eine Dachluke entkommen. Der damalige Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lothar Kupfer (CDU), stellte lapidar fest: »Eine akute Gefährdung war nicht gegeben«.

Bereits vor zehn Jahren spürten wir der fünftägigen Gewaltorgie nach – wir drucken den Text aufgrund des Jahrestages noch einmal ab. Flankiert wird er von einem Rückblick auf rassistische Angriffe in Folge von Rostock-Lichtenhagen in Ost und West. Dass die Ausschreitungen nicht singulär, sondern Teil eines rassistischen Flächenbrands waren, zeigt die – unvollständige – Chronik von Juni bis November 1992. Angesichts der in der Mitte fest verankerten Gewaltbereitschaft des Antiziganismus deutet Merle Stöver das Pogrom als konformistische Revolte, während der Text zu den damaligen White Riots in den USA den Blick auf eine internationale Perspektive erweitert. Über die kulturelle Rezeption des Pogroms schreibt Dan Thy Nguyen und geht der Frage nach, wie die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen kulturell verarbeitet wurden. Zur Verarbeitung gehört auch das 2016 in Rostock errichtete Denkmal »Gestern Heute Morgen«, das mit sechs Stelen an die rassistischen Ausschreitungen erinnert. Wir fragen nach, ob dies ein adäquater Umgang mit den damaligen Ereignissen ist und sprechen mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Rostock, Juri Rosov, über die Entwicklungen in der Stadt. Im Interview mit Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, geht es um die Perspektive der Betroffenen, Vertreter*innen des Förderverein Sinti und Roma Frankfurt/Main erläutern unter anderem den antiziganistischen Charakter des Pogroms und die Aufnahme der Stereotype gegen Roma im Mainstream der Politik. Diese Ausgabe haben wir mit Aktivist*innen des Dokumentationszentrums »Lichtenhagen im Gedächtnis« und des Vereins »Soziale Bildung« erarbeitet. Vielen Dank für die produktive Zusammenarbeit.